IM HEUTIGEN Evangelium erzählt Jesus von einem Verwalter, der seinen Posten verliert, weil er das Vermögen seines Herrn verschleudert hat. Doch bevor er gehen muss, sorgt er noch schnell für seine Zukunft: Er bestellt die Schuldner seines Herrn zu sich und erlässt ihnen kurzerhand beträchtliche Teile ihrer Schulden. So verschafft er sich Freunde, auf deren Hilfe er später zählen kann. Jesus lobt nicht seine Unehrlichkeit, aber seinen Einfallsreichtum und seine Weitsicht: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes (Lk 16,8). Warum sollten wir nicht ebenso entschlossen und erfinderisch sein, wenn es um die Sache Gottes geht? Papst Franziskus erinnert uns allerdings an einen entscheidenden Unterschied: „Wir sind aufgerufen, einer solchen weltlichen Klugheit mit der christlichen Klugheit zu begegnen, die ein Geschenk des Heiligen Geistes ist.“1 Bitten wir ihn um die Kreativität und Entschlossenheit, die wir brauchen, um Gottes Wünsche in die Tat umzusetzen.
Der heilige Augustinus lenkt unseren Blick auf das Ziel: „Für welches Leben hat dieser Verwalter denn Vorkehrungen getroffen? Wenn er schon für das Leben vorsorgte, das ein Ende hat, wirst du dann nicht für dein ewiges Leben vorsorgen?“2 Auch wir sollen also vorausschauend handeln und unsere Gaben und Talente einsetzen – allerdings mit anderen Mitteln und für ein anderes Ziel. Jesus möchte uns sein Reich nicht von außen auferlegen. Er will, dass wir es aus freien Stücken zu unserem eigenen Anliegen machen und unser Glück darin entdecken, Kinder Gottes zu sein. Dann können wir mit dem heiligen Josefmaria sagen: „Lieben heißt, von einem einzigen Gedanken durchdrungen sein: nur für den geliebten Menschen zu leben, sich nicht mehr selbst zu gehören, in seliger Freiheit Herz und Seele einem anderen Willen zu unterwerfen – der zugleich der eigene Wille ist.“3
AUF DEM KALVARIENBERG hängen neben Jesus zwei Verbrecher am Kreuz. Während der eine Jesus verhöhnt, erkennt der andere seine Schuld an und weist seinen Gefährten zurecht: Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan (Lk 23,41). Dann ergreift er seine letzte Chance. Er wendet sich direkt an Jesus und bittet: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst (Lk 23,42). Mehr sagt er nicht. Er vertraut darauf, dass Jesus ihn versteht. Und seine Hoffnung wird weit übertroffen: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein (Lk 23,43). Auch dieser Mann handelt klug. Anders als der Verwalter aus dem Gleichnis versucht er jedoch nicht, sich seine Zukunft durch einen Trick zu sichern. Er setzt alles auf Jesus. Und der Herr schenkt ihm weit mehr, als er zu erbitten gewagt hat.
Papst Franziskus spricht noch von einer anderen Form der „heiligen Schläue“: von „jenem geistlichen Scharfsinn, der uns Gefahren erkennen und vermeiden lässt. Die Sterndeuter wussten dieses Licht zu nutzen, als sie auf der Rückreise entschieden, nicht den Weg über den dunklen Palast des Herodes zu nehmen, sondern auf einem anderen heimzukehren.“4 Auch wir sollten die Gefahren für unser geistliches Leben nicht unterschätzen. Manches, was uns von Gott wegführt, kann durchaus verlockend sein. Heilige Schläue bedeutet deshalb, solchen Versuchungen auszuweichen und zugleich die Gelegenheiten zu ergreifen, die uns Gott näher bringen. Vor allem aber dürfen wir es wie der gute Schächer machen: uns ohne Umschweife an Jesus wenden und ihm anvertrauen, was uns im Innersten bewegt.
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IM UMGANG mit Gott ist allerdings eine andere Art von Klugheit gefragt. Der heilige Paulus warnt: Täuscht euch nicht: Gott lässt seiner nicht spotten; denn was der Mensch sät, wird er auch ernten. Denn wer auf sein eigenes Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten (Gal 6,7–8). Vor Gott können wir nichts verbergen. Deshalb sind Aufrichtigkeit und Einfachheit der beste Weg zu ihm – auch wenn es uns manchmal schwerfällt, unsere Fehler einzugestehen.
Gerade wer seine Schwächen kennt, kann entdecken, wie befreiend das Vertrauen auf Gott ist. Der heilige Josefmaria beschrieb dies mit einem liebevollen Bild: „Nachdem ich mein Elend erwogen hatte, Jesus, sagte ich zu dir: Lass dich von diesem deinem Sohn beschwindeln, wie jene guten, herrlichen Eltern, die ihrem Kind das Geschenk zustecken, das es ihnen ‚schenken‘ wird, ... Das Kind weiß ja auch, dass es von sich aus nichts hat. Und wie selig jubeln dann Vater und Kind, auch wenn beide genau Bescheid wissen!“5
Der heilige Josefmaria war überzeugt, dass wir von den Kindern lernen können, mit Gott umzugehen: „Als ich mit Kindern arbeitete, lernte ich von ihnen, was ich das ,Leben der Kindschaft‘ nannte ... Ich lernte von ihnen: von ihrer Einfachheit, ihrer Unschuld, ihrer Offenheit. Vom Betrachten, dass sie um den Mond baten und ihn bekommen mussten. Ich musste Gott um den Mond bitten: Mein Gott, den Mond bitte!“6 Wer wie ein Kind an Gott herantritt, fragt nicht nach dem, was ihm zusteht, sondern weiß, dass er alles von seinem Vater erbitten darf. Darin liegt vielleicht die schönste Form der „heiligen Schläue“: nicht alles selbst erreichen zu wollen, sondern auf Gottes Liebe und Großzügigkeit zu setzen. Maria, unsere Mutter, kann uns helfen, mit diesem Vertrauen unseren Weg zu gehen.
1 Franziskus, Angelus-Gebet, 18.9.2016.
2 Hl. Augustinus, Rede 359A, 10.
3 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 797.
4 Franziskus, Predigt, 6.1.2014.
5 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Punkt 195.
6 Hl. Josefmaria, Notizen von einem Gespräch mit Priestern, 26.7.1974.
